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Die Rolle von Erdgas in der Fernwärme
Fernwärme zwischen fossiler Vergangenheit und klimaneutraler Zukunft
- Ort
- Fernheizwerk Neukölln
- Adresse
- Ederstraße 23, 12059 Berlin
- Karte
- Auf OpenStreetMap öffnen
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Kurz erklärt
Wärme, und mittlerweile auch Kälte, machen die Hälfte unseres Endenergieverbauchs aus. Wärme kann dabei für drei Dinge genutzt werden: Als Raumwärme, für warmes Wasser und in der Industrie. Der größte Anteil der Wärme wird jedoch in unseren Zuhause verwendet, um unsere Wohnungen zu heizen und damit wir warm duschen können. Das Fernheizwerk Neukölln macht diese Versorgung sichtbar: Hier wird Wärme zentral erzeugt und über ein Leitungsnetz in die umliegenden Kieze transportiert.
Hier sei zu beachten: Ein Fernwärmeanschluss ist nicht automatisch klimafreundlich. Entscheidend ist, womit die Wärme erzeugt wird. Zwar kann man durch Fernwärme viele Haushalte auf einmal klimafreundlich mit Wärme versorgen, jedoch spielt Erdgas in BHKWs oder direkten Gaskraftwerken heutzutage weiterhin eine wichtige Rolle. Diese Station zeigt also welche große Herausforderung die Fernwärme auf dem Weg zu einem erneuerbaren Energiesystem ist.
1. Was siehst Du hier?
Am Ende der Ederstraße steht das Fernheizwerk Neukölln. Von außen sind vor allem technische Anlagen und der neue schlichte Schallschutzbau zu sehen. Dabei kann man die neue Großwärmepumpe, das neue BHKW und den großen runden Wärmespeicher sehen, der an seiner Seite sogar anzeigt, wie viel Wärme sich momentan darin befindet. Laut Betreiber versorgt dieses Werk über 60.000 Haushalte sowie Gewerbebetriebe und öffentliche Gebäude in der direkten Umgebung mit Wärme. Die erzeugte Wärme fließt als heißes Wasser durch eine Fernwärmeleitung zu den Verbraucher:innen. In den angeschlossenen Gebäuden wird die Wärme an Heizungen und Warmwassersysteme übertragen. Anschließend fließt das abgekühlte Wasser zurück zum Heizwerk und wird erneut erhitzt.
Ein Teil der Anlage ist ein sogenanntes Blockheizkraftwerk, kurz BHKW. Es erzeugt gleichzeitig Strom und Wärme. Bei einer reinen Stromerzeugung würde ein großer Teil der entstehenden Wärme ungenutzt an die Umgebung abgegeben. Ein BHKW nutzt diese Wärme zusätzlich für das Fernwärmenetz und kann den eingesetzten Brennstoff dadurch effizienter verwenden.
Das neue BHKW in Neukölln produziert Strom für etwa 10.000 Haushalte und Wärme für rund 4.000 Haushalte. Es arbeitet effizienter als viele ältere Anlagen, nutzt derzeit aber noch Erdgas dafür. Das soll sich in der Zukunft ändern, in dem die Gasturbine mit grünem Wasserstoff betrieben wird. Dies ist jedoch nach dem momentanen technischen Stand der Netze und der Turbinen nur in einem kleinen Teil möglich. Eine volle Dekarbonisierung mit grünem Wasserstoff ist also bis dato technisch noch nicht möglich.
Vertiefung: Was ist Fernwärme?
Fernwärme ist keine eigene Energiequelle. Sie beschreibt zunächst nur die Art, wie Wärme verteilt wird.
Die Wärme kann beispielsweise aus Erdgas, Kohle, Biomasse, Abfallverbrennung, Geothermie, Großwärmepumpen oder industrieller Abwärme stammen. Ein Wärmenetz kann daher sowohl fossile als auch klimafreundliche Wärme transportieren.
Ob Fernwärme zur Energiewende beiträgt, hängt vor allem davon ab, welche Wärmequellen in das Netz einspeisen.
2. Welche Rolle spielt dieser Ort im Energiesystem?
Wärme und Kälte machen zusammen etwa die Hälfte des Endenergieverbrauchs in Deutschland aus. Endenergie ist die Energie, die tatsächlich bei den Verbraucher:innen ankommt: etwa als Strom aus der Steckdose, Benzin an der Tankstelle oder Wärme in der Heizung.
Wärme wird in unterschiedlichen Bereichen gebraucht. Sie heizt Wohnungen, sorgt für warmes Wasser und wird in Industrie und Gewerbe für Produktionsprozesse eingesetzt. Der größte Anteil entfällt dabei auf Gebäude. Wer im Winter eine Wohnung beheizt oder warm duscht, nutzt damit einen wesentlichen Teil des Energiesystems.
In Deutschland werden die meisten Gebäude noch mit Gas oder Heizöl beheizt. Über die Hälfte der Haushalte nutzt Gasthermen (56%), die bei einem Zuhause Wärme produzieren. Dafür existiert ein gewaltiges Leitungsnetz: Das deutsche Gasnetz. Es ist mit mehr als 600.000 Kilometer ungefähr 47-mal so lang wie das deutsche Autobahnnetz und das größte in Europa. Es beinhaltet sowohl das Übertragungsnetz, das das Gas im Land verteilt als auch das Verteilnetz, das fast jedes Haus in Deutschland beliefert.
Fernwärme bietet eine Alternative zu Millionen einzelner Heizungsanlagen. In Deutschland werden rund 15 Prozent der Wohnungen über Wärmenetze versorgt. In Berlin liegt der Anteil noch deutlich höher: Mehr als jede vierte Wohnung ist an ein Fernwärmenetz angeschlossen.
Diese Netze sind für die Energiewende besonders interessant. Statt jede einzelne Wohnung auf eine neue Heiztechnik umzustellen, können zentrale Wärmequellen schrittweise ausgetauscht oder ergänzt werden. Ein Fernwärmenetz könnte künftig beispielsweise Wärme aus Großwärmepumpen, Geothermie, Abwärme oder erneuerbarem Strom verteilen.
3. Wo liegen die Herausforderungen?
Der überwiegende Teil der deutschen Fernwärme wird weiterhin mit fossilen Energieträgern erzeugt. Auch im Fernheizwerk Neukölln spielt Erdgas eine zentrale Rolle.
Beim Verbrennen von Erdgas entsteht CO2. Zusätzlich besteht Erdgas hauptsächlich aus Methan (CH4). Dieses Gas kann bei Förderung, Verarbeitung und Transport in die Atmosphäre entweichen. Methan bleibt zwar kürzer in der Atmosphäre als CO2, besitzt kurzfristig aber eine besonders starke Klimawirkung. Das heißt es heizt die Erde sehr viel stärker auf in der kurzen Zeit.
Erdgas wurde lange als "saubere" Alternative zu Kohle dargestellt. Dieser Vergleich berücksichtigt jedoch häufig nur die Emissionen bei der Verbrennung. Werden Methanverluste entlang der gesamten Lieferkette einbezogen, fällt die Klimabilanz deutlich schlechter aus.
Deutschland will bis 2045 klimaneutral werden. Das bedeutet, dass auch die Wärmeversorgung weitgehend ohne Kohle, Öl und Erdgas auskommen muss. Die große bestehende Gasinfrastruktur macht diesen Umbau allerdings schwierig. Leitungen, Kraftwerke und Heizungsanlagen wurden für eine lange Betriebsdauer gebaut. Unternehmen und Kommunen haben viel Geld in sie investiert und erzielen mit ihrem Betrieb weiterhin Einnahmen.
Neue gasbetriebene Anlagen können diesen sogenannten fossilen Lock-in verlängern. Sie sind zwar effizienter als ältere Anlagen, benötigen aber weiterhin einen fossilen Brennstoff. Werden sie heute gebaut, besteht ein wirtschaftlicher Druck, sie über viele Jahre zu nutzen, damit sich die Investition rechnet.
Auch die Bezeichnung "H2-ready" (Wasserstoff-tauglich) löst dieses Problem nicht automatisch. Sie bedeutet häufig nur, dass eine Anlage technisch einen begrenzten Anteil Wasserstoff beimischen könnte oder später umgerüstet werden soll. Ob ausreichend klimafreundlicher Wasserstoff verfügbar sein wird und zu welchem Preis, bleibt offen.
Vertiefung: Kann Wasserstoff Erdgas beim Heizen ersetzen?
Wasserstoff kann mit erneuerbarem Strom hergestellt werden. Dafür wird Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff aufgespalten. Dieser Prozess benötigt jedoch viel Energie und ist momentan noch sehr teuer.
Wird der Wasserstoff anschließend wieder verbrannt, um Wärme zu erzeugen, gehen in den mehreren Umwandlungsschritten erhebliche Energiemengen verloren. Eine Wärmepumpe kann dieselbe Menge erneuerbaren Stroms meist wesentlich effizienter für die Wärmeversorgung nutzen.
4. Welche Lösungen sind möglich?
Die Wärmewende wird nicht von einer einzigen Technologie getragen. Für klimaneutrale Wärmenetze braucht es vielmehr einen Mix unterschiedlicher Quellen.
Großwärmepumpen können Wärme aus Flüssen, Abwasser, Luft, dem Boden oder industriellen Prozessen aufnehmen und auf das benötigte Temperaturniveau bringen. Sie sind eine langbewährte Technologie die besonders in den skandinavischen Ländern, die Wärmeproduktion zum größten Teil abdeckt. Damit beweist sie, dass sie auch in sehr kalten Temperaturen die nötige Wärme herstellen kann. Zusätzlich kann sie auch von sogenannten Direktstromkesseln unterstützt werden, die Wasser wie ein Wasserkocher erhitzen. Andere gute Optionen sind saisonale und kurzweilige Speicher, Biogeneabfall Verbrennung oder Holzhackschnitzel die zertifizierte Brennstoff verwenden.
Auch die Gebäude selbst sind entscheidend. Gut gedämmte Häuser benötigen weniger Wärme und können mit niedrigeren Heiztemperaturen versorgt werden. Das senkt den Bedarf und unterstützt die Umstellung auf erneuerbare Heiztechnologien, die dann weniger stemmen müssen.
Insgesamt kann das Fernwärmenetz also einen großen Beitrag dazu leisten unsere Wärme klimaneutral zu machen. Dafür bleibt es wichtig Erdgas nicht einfach mit anderen Gasen zu ersetzen, deren Verfügbarkeit unsicher und Benutzung ineffizient sind. Stattdessen sollte die Fernwärme als Möglichkeit gesehen werden viele Haushalte auf einmal zu transformieren mit der Hilfe erneuerbarer Wärmetechnologien.
5. Forschung im Reiner Lemoine Kolleg
Kostenkonflikte in der Wärmewende
Josephine untersucht, wie der Wärmesektor aus seiner Abhängigkeit von Erdgas herauskommen kann. Im Mittelpunkt stehen die wirtschaftlichen und politischen Konflikte, die beim Umbau der Wärmeversorgung entstehen.
Gas ist für viele Versorgungsunternehmen noch immer ein bedeutender Teil ihres Geschäftsmodells. Gleichzeitig erfordert die Umstellung auf Wärmepumpen, erneuerbare Wärmequellen, Speicher und neue Netzinfrastruktur hohe Investitionen. Daraus ergeben sich zentrale Fragen: Wer finanziert den Umbau? Wie verändern sich die Geschäftsmodelle von Versorgungsunternehmen? Welche Folgen entstehen für kommunale Finanzen und Verbraucher:innen?
Deshalb untersucht Josephine unter anderem die technologischen Ziele in kommunalen Wärmeplänen, Investitionsentscheidungen bei Verbraucher:innen und die wirtschaftliche Situation von Versorgungsunternehmen. Ziel ist es, besser zu verstehen, welche finanziellen und institutionellen Bedingungen den Ausstieg aus Erdgas fördern und welche ihn verzögern.
6. Denkfrage
Denkfrage
Wie hoch ist der Anteil von Erneuerbaren in der Berliner Wärme?
Antwort anzeigen
Nur 3,8% wird elektrisch oder mit Solarthermie produziert. Wenn man Biomasse (also Holz), Abfallverbrennung und Abwärmenutzung als erneuerbar rechnet wurden 2023 4,5% der Wärme erneuerbar hergestellt. In der Fernwärme waren es zu der zeit 10% die erneuerbar hergestellt wurden.
Wärme aus Holz und anderer Biomasse wie Abfall wird im gesetzlichen Kontext als Erneuerbar angesehen ist aber wegen begrenzter Ressourcen, Emissionen während der Verbrennung und des Waldschutzes nicht unbegrenzt klimafreundlich verfügbar.
Der geringe Anteil reiner Erneuerbarer zeigt, wie groß die Aufgabe noch ist. Während erneuerbare Energien im Stromsektor bereits eine zentrale Rolle spielen, wird Wärme weiterhin überwiegend mit Erdgas, Heizöl und anderen fossilen Energieträgern erzeugt.
Quelle: Datensatz des SenMVKU auf https://www.berlin.de/sen/uvk/klimaschutz/waermewende/
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Fernwärmenetze können verschiedene klimafreundliche Wärmequellen miteinander verbinden. Eine davon ist Abwärme, die heute in der Stadt noch vielfach ungenutzt an die Umgebung abgegeben wird.
An Station 2 geht es deshalb um die Frage: Warum wirft die Stadt ihre Wärme weg - und wie könnten Abwärme und Sektorenkopplung die Fernwärme verändern?
Quellen und weiterführende Informationen
- Fernheizwerk Neukölln: https://fhw-neukoelln.de/
- Übersicht des BDEWs zu Fernwärme: https://www.bdew.de/energie/waerme-waermewende-heizung/fernwaerme/
- Monatliche Fernwärmeerzeugung nach Energieträgern (Quelle: BDEW): https://www.bdew.de/media/documents/Nettowaermeerz_ET_Vgl_VJ_monatlich_online_o_monatlich_FS_05082026.pdf
- Fachliteratur:
- Braunger, Isabell (2023), ‘Communal Heat Planning: Overcoming the Path-Dependency of Natural Gas in Residential Heating?’, Environmental Innovation and Societal Transitions, 48: 100768, https://doi.org/10.1016/j.eist.2023.100768.
- Rosenow, J. (2024), ‘A Meta-Review of 54 Studies on Hydrogen Heating’, Cell Reports Sustainability, 1/1: 100010, https://doi.org/10.1016/j.crsus.2023.100010.
- Semb, Josephine, Lukas Bäuerle, and Valentin Sagvosdkin (2026), ‘System-Induced Transition Inertia in the Transformation of the German Heating and Housing Sector’, Energy Policy, 212: 115181, https://doi.org/10.1016/j.enpol.2026.115181.